EVERY MATTER UNDER HEAVEN –
…und für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine Zeit
–Ein Plädoyer für das Leben und den Frieden–
In üppiger, farbenreicher Orchestrierung und unbezwingbarer Pan-Diatonik verarbeitet LEE JOHNSON Auszüge aus Reden von John F. Kennedy, der NASA, Harry S. Truman, von Atomwissenschaftlern, Militärführern u.a.
Atemberaubend beabsichtigt - und erreicht – er nichts weniger als eine Diskussion über Alles im Universum, von der Kosmologie des Urknalls bis hin zu Familienangelegenheiten im amerikanischen mittleren Westen. Dazwischen zitiert er aus dem alten Testament das Buch „Prediger“ (Ekklesiastes/Kohalet), um die unverblümte Weise zu illustrieren, in der dieses Buch aus der Antike praktisch "eine Zeit für alles" erklärt. Diese Aussagen können musikalisch, textlich sowie bildlich (DVD) nicht polarisierender und paradoxer dargestellt werden. (Insofern erinnert uns „Every Matter Under Heaven“ an Philip Glass’ und Godfrey Reggios Werk Koyaanisqatsi.) Dieses althebräische Rezept für ein gutes Leben resultiert aus einer erfolgreichen Ausbalancierung des Alltäglichen mit dem Unvermeidbaren und der damit verbundenen einschneidenden Lebenserfahrung.
Er stellt diese Aussagen der Bibel – und muss das auch – widerspruchslos den Katastrophen als auch den schönen Momenten menschlichen Seins gegenüber. In dieser Machtlosigkeit des Menschen gegenüber den Zeitläuften kann uns Lee Johnson nur noch diese Botschaft vermitteln, die er im letzten Satz bzw. in der letzten Szene des Filmes ausdrückt: Das Libretto von EVERY MATTER UNDER HEAVEN schließt nämlich mit den Worten "Fürchtet Gott und befolgt seine Gebote, denn dies ist die ganze Pflicht des Menschen" (Prediger 12,13) Die letzte Szene des Films zeigt einen Mann, der von seinem Job in einer Kühlschrankfabrik nach Hause eilt, um gemeinsam mit seiner liebevollen und ganz und gar durchschnittlichen amerikanischen Familie ein Mahl einzunehmen. Ein genauerer Blick auf diese "gutartigen" Klischees sollte unserer globalisierten Weltgemeinschaft noch einmal ins Bewusstsein rufen, dass wir nicht ausgerechnet die Dinge, die uns lieb und teuer sind, als Motivation missbrauchen dürfen, um anderen den Zugang zu Erfüllung und Glück "mit jedem Geschehen unter dem Himmel" zu verweigern.
Neben vielen sich aus der Größe der Orchestrierung ergebenden Gestaltungsmittel wie dem Quinten-orientierten Leitmotiv ist die Solovioline sicher das wichtigste, besonders hinsichtlich der Dramaturgie. Vielleicht kann die Solo-Violine als die Seele des Werks betrachtet werden. Kurz vor dem Ende erhält sie Gelegenheit zu einer unbegleiteten Kadenz, in der Themen und organisatorische Motive aus allen vorherigen Sätzen rekapituliert werden. Wie schon der Titel, "Circle" (Kreis), andeutet, erinnert uns diese Kadenz daran, dass sich das Universum der Aufgaben und Ereignisse in unser aller Leben immer und immer wiederholen wird, sein endloser Kreislauf trägt Sicherheit und Tragödie, Hoffnung und gebrochene Herzen in jede Generation.
Die Klarheit der tonalen Ausdrucksweise hypnotisiert und umgarnt den Hörer, und daher bekommt das Werk unbestreitbar seinen populären Reiz. Die Musik strahlt eine positive spirituelle Energie in der Tradition amerikanischer Kunst aus. Es ist ausgesprochen amerikanisch, die eigene Familie, die persönlichen Freiheiten höher zu bewerten als irgendein großes nationales Projekt. Johnson hat dies verstanden, und in diesem Sinne hat er ein amerikanisches Oratorium geschaffen. Auch seine Musik hat einen widerstandsfähigen Rückhalt in der amerikanischen Tradition, sie ist voller Anklänge an Rhythmen und Stilistiken, die uns aus den Werken von Copland, Barber, Bernstein, und vor allem John Adams vertraut sind.
EIN SYMPHONISCHER FILM
Das Werk erscheint gleichzeitig als DVD-Musikvideo. Aus "open source"-Quellen stammende historische Filmaufnahmen polarisieren mit den Texten und der Musik und illustrieren gleichzeitig, wie widersprüchlich und paradox das Leben Mitte des 20. Jahrhunderts gewesen sein muss, wenn man es unter dem Blickwinkel der amerikanischen Lebensweise betrachtet.
Die Wirkung dieser Filmaufnahmen in Verbindung mit der Musik und den Texten des Werkes und damit ihre Gegensätzlichkeit ist umso eindringlicher, da sie ja in ihrer Zeit der Entstehung für ganz andere Zwecke gemacht wurden bzw. ausschließlich Zeitgeschehen dokumentierten.
(Ulli A. Rützel, mit freundlicher Genehmigung der Texte von Dr. Victoria Adamenko, Dr. Lyn Schenbeck und Lee Johnson, übersetzt von Michael Steffens
Der Komponist, Dirigent, Produzent und Musiker Lee Johnson aus LaGrange, Georgia/USA, ist häufiger Gast im Abbey Road Studio in London. Mit dem London Symphony Orchestra. Er hat sieben Sinfonien komponiert, zahlreiche Werke für Kammermusik, vier Musicals, zwei Opern, Konzertstücke, Choräle und Gesangswerke geschrieben und für Ballett und Theater, Film und interaktive Multimedia Projekte gearbeitet. Seine siebte Sinfonie „Infinitude“ ist ein den internationalen Menschenrechten gewidmetes Auftragswerk des „Jimmy Carter Centers“ in USA.
Johnsons "Dead Symphony no. 6" wurde von den GRATEFUL DEAD unterstützt und ist die einzige großorchestrale und bühnenfähige Interpretation der unsterblichen Musik dieser Gruppe.
Clay Powers, Co-Regisseur von „Every Matter Under Heaven“ ist eigentlich Maler und Computer-Künstler, hat aber viele Planetarium-Shows, Musikvideos und TV-Sendungen produziert.